02. Juni 2010 - Sensationeller Fund der Feldgrille im lippischen Südosten

Feldgrillen-Männchen am Kirchberg | Foto: M. Füller

Schwarz - aber nicht unscheinbar

Die Feldgrille ist die erste stridulierende Heuschreckenart im Jahr. Ihr "Gesang"  ist ab Mai zu hören und gehört zu den prägenden Eindrucken warmer Frühsommertage in einer offenen Wiesenlandschaft. Nicht zuletzt deshalb ist die Feldgrille in Kinderbüchern ein weit verbreitetes, unverzichtbares Inventar, wenn das Leben in der Wiese dargestellt werden soll. In der Realität kennt aber kaum jemand noch die Feldgrille. Dies ist auch kein Wunder. Denn die Art stand in der Region bis vor kurzem vor dem Aussterben. Wer den besonderen Reiz eines Feldgrillenkonzertes erleben will, wird mit faszinierenden Beobachtungen belohnt. Die Feldgrillenmännchen stridulieren meist vor selbstgegrabenen Wohnröhren. Partnerfindung ist Sache der Weibchen: diese wandern auf der Suche nach Männchen umher.

Feldgrillen-Männchen vor seiner Röhre | Foto: M. Füller
Der Gesang wird durch Vibration der Flügel erzeugt | Foto M. Füller
Bei der kleinsten Störung flüchten die Grillen blitzschnell in ihre Höhlen | Foto: M. Füller

Feldgrillen am Kirchberg bei Lügde

Eigentlich wollte ich nur die Zeit bis zum abendlichen Ausflug der Fledermäuse überbrücken und ging in der frühen Abenddämmerung am Kirchberg bei Lügde durch die Wiesen. Am Ende ergab sich aus  dieser Verlegenheitslösung eine der überraschendsten Entdeckungen der letzten Jahre. Auf einer lückigen Glatthaferwiese am Kirchberg sangen (stridulierten) mindestens 20 Feldgrillen-Männchen. Grundsätzlich bietet diese Wiese alles was eine Feldgrille braucht: lückige Vegetationsstruktur, grabefähigen Boden und hohe Sonneneinstrahlung. Der Fund ist gleichwohl eine Sensation - bis vor kurzem galt die Feldgrille im Kreis Lippe außerhalb der Senne und isolierter Restvorkommen am Rand der Werreaue bei Pivitsheide als ausgestorben.

Der Kirchberg bei Lügde von Nordwesten aus gesehen | Foto: M. Füller
Lückige Glatthaferwiese über Muschelkalk | Foto: M. Füller
Margerite und Glatthafer - Charakterarten der Glatthaferwiesen | Foto: M. Füller

Zeichen des Klimawandels

Wohnhöhle der Feldgrille | Foto: M. Füller

Auch wenn der kalte letzte Winter uns manchmal zweifeln lässt. Die aktuelle Ausbreitung der Feldgrille (auch im Kreis Gütersloh gibt es neue Vorkommen und auch bei Pivitsheide im Kreis Lippe scheinen sich die Bestände zu vergrößern) könnte ein Hinweis auf  unsere zunehmend wärmer und trockener werdenden Sommer sein. Diese sind Voraussetzung für individuenstarke Feldgrillen-Populationen. Feldgrillen sind deshalb in Norddeutschland auf Wärmeinseln und hier insbesondere auf Biotope mit hohen Wärmesummen beschränkt. Dies sind zumeist süd- oder westexponierte trockene Wiesen, Halbtrockenrasen, Heiden oder Böschungen mit lückiger Vegetation und lockeren, grabfähigen Böden.

Trotzdem könnte die Feldgrille auch zu den Verlierern des Klimawandels gehören. Die bei milden, regenreichen Wintern früher einsetzende Entwicklung der Gräser verschlechtert die Lebensbedingungen der Feldgrille. Da wo es dunkel und (morgens) länger feucht ist, verschwindet sie. Trotz heißer Sommer könnte die Art so zunehmend auf optimale Biotoptypen mit verzögerter Vegetationsentwicklung beschränkt werden. Das sind bei uns in der Regel extrem nährstoffarme trockene Standorte.

Alles nicht so einfach mit dem Klimawandel.

Wo kommen die Grillen her?

Zum Fliegen ungeeignet - die Flügelreste dienen nur der Lauterzeugung | Foto: M. Füller

Spannend ist die Frage der Besiedelung des Kirchberges. Bei Untersuchungen Ende der 1990er Jahre konnte die Art auf dem Kirchberg auch auf der derzeit besiedelten Fläche nie nachgewiesen werden. Da Feldgrillen nicht fliegen können, ist eine Besiedelung aus der Senne angesichts der Länge des Fußmarsches für so ein kleines Insekt undenkbar.

Aber vielleicht gibt es ja in der Nachbarschaft weitere, bislang übersehene Vorkommen?

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