Der Biber lebt wieder in Lippe

Erster Nachweis im lippischen Südosten seit über 200 Jahren

Biber an der Emmer | J. Köllermeier

Am 28. Juni 2020 wurde erstmals seit fast 200 Jahren im Kreisgebiet wieder ein Biber gesichtet. Jannis Köllermeier, der glückliche Entdecker, konnte das Tier zusammen mit seinen Eltern an der Emmer in Südostlippe beobachten, fotografieren und filmen. Eine Spurensuche durch Mitarbeiter der Biologischen Station ergab, dass der Biber schon mindestens seit dem letzten Winter an der Emmer ansässig sein dürfte und einfach übersehen wurde. Dafür sprechen abgebissene Weidenstrünke, die offensichtlich aus dem Vorjahr stammen. Vermutlich handelt es sich um ein Einzeltier, aber es ist davon auszugehen, dass der Biber bald auch in Lippe wieder häufiger sein wird.  Das größte Nagetier Europas ist in den Nachbarkreisen Höxter, Holzminden, Herford und Paderborn z.T. schon seit einigen Jahren wieder präsent. Wie der Emmer-Biber den Weg nach Lippe gefunden hat und von welcher Nachbarpopulation er stammt, ist aber noch unklar.

Nachdem Mitarbeiter der Biologischen Station monatelang Verbissspuren, Pfade und Trittsiegel des Bibers dokumentiert hatten, war es im September dann soweit: die Anfänge eines Biberdammes waren zu sehen. Dass es sich um das Bauwerk eines Bibers und nicht um zufällig angeschwmmte Weidenäste handelte wurde schnell klar, da die Zweige eindeutige Biberbiss-Spuren aufweisen und ganz offensichtlich von beiden Ufern aus ineinander verflochten wurden.

   

Abgebissene
Weidenzweige
Bissspuren im Weidendickicht
Hinterfußabdruck
Dammbau | Fotos: H. Sonnenburg
 

Biber in Deutschland - eine spannende Entwicklung

Ursprünglich dürften in Deutschland mehrere hunderttausend Biber gelebt haben. Auch kleine Bäche in höheren Lagen waren früher von der Art besiedelt. Zahlreiche Orts- und Gewässernamen geben Hinweise auf ehemalige Bibervorkommen, z.B. Bevern, Beberstedt, Beverbach, oder einfach Bewer.

Biber wurden seit jeher intensiv bejagt, sowohl wegen des Pelzes als auch des schmackhaften Fleisches wegen. Besonders begehrt waren die „Biberkelle“ (der kräftige, abgeflachte Schwanz) und das „Bibergeil“, ein Drüsensekret, welches als Allheilmittel und Parfümzusatz diente. Durch die fortschreitenden Flussbegradigungen wurde zudem der Lebensraum zerstört so dass der Biber in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert fast ausgestorben war.  Nur eine kleine Population überlebte an der Mittelelbe. Diese „Elbebiber” bildeten den Grundstock für zahlreiche Wiederansiedlungsprojekte.

Seit einigen Jahrzehnten erobern Biber aber auch aus eigener Kraft verlorenes Terrain zurück. Meist sind es Jungbiber, die sich auf die Wanderschaft begeben. Aktuell schätzt man den Bestand in Deutschland auf fast 30.000 Individuen. In Nordrhein-Westfalen sind vor allem die Nordeifel und der Niederrhein wieder gut besiedelt. Der Biber ist ein Beispiel für die Wiederkehr einstmals ausgestorbener Arten.

Hier ist die markante Biberkelle erkennbar.
Beim Schwimmen ragen nur Nase, Augen und Ohren aus dem Wasser - anders als bei der Nutria | Fotos: B. Brautlecht
Jungbiber | Foto: Bernd Stemmer

Auch Lippe war einst Biberland

Im Mittelalter waren Biber in Lippe verbreitet. H. Schmidt erwähnt in seiner „Lippischen Wald- und Siedlungsgeschichte“, dass 1468 bei Blomberg Biber gefangen wurden, deren Schwänze ein Leckerbissen für die herrschaftliche Küche waren. Auch der Beberbach bei Bösingfeld und vor 300 Jahre als „Beverhöller“ benannten Weseraltwässer bei Stemmen weisen auf die Anwesenheit des Großnagers hin. 1892 und 1994 wurden zudem Biberskelette bei Bauarbeiten bei Oerlinghausen gefunden. Am längsten haben sich Biber wahrscheinlich südlich des Teutoburger Waldes gehalten. In einer Beschreibung des Amtes Lipperode erwähnt von DONOP (1790) „Schon hier im Lippeschen wird er (der Lippefluß) von Biebern bewohnt". Diese Gegend beherbergte noch Anfang des 19. Jahrhunderts Biber. Um 1825 war der Biberbestand in Lippe ausgerottet.

Ein kurzer biologischer Steckbrief

Biber können eine Körperlänge von bis zu 135 Zentimetern und 25 bis 36 Kilogramm Körpergewicht erreichen. Ihr Fell ist braun und extrem dicht, so dass die auch im Winter unter der Eisdecke aktiven Biber vor Kälte gut geschützt sind. Typisch ist der abgeplattete Schwanz. Bei Gefahr wird dieser lautstark auf die Wasseroberfläche geschlagen, um Familienmitglieder zu warnen. Bei der an unseren Gewässern heute weit verbreiteten Nutria ist der Schwanz hingegen drehrund.

Biber sind monogame Lebewesen mit ausgeprägtem „Familiensinn“. In einer Familie leben üblicherweise das Elternpärchen und zwei weitere Generationen. Die Familienstrukturen erinnern somit an die der Wölfe. Das Territorium eines Familienverbandes wird verteidigt und abgegrenzt. Hierzu dient ein Sekret, das als Bibergeil oder Castoreum bekannt ist. Mit dieser fetthaltigen, baldrianartig riechenden Flüssigkeit pflegen Biber auch ihr Fell.

Einfluss des Bibers auf die Landschaft

Biberburgen können auch am Ufer errichtet werden (Verden/Aller) | Foto: H. Sonnenburg
Biberdamm und -burg in der Eifel | Foto: M. Füller
Biber stauen vor allem kleinere Fließgewässer | Foto: H. Sonnenburg

Biber gestalten die Landschaft. Durch Dämme können sie Bäche und kleine Flüsse aufstauen. Somit entstehen ruhige Gewässerzonen, in denen der Bieber seine Burgen bauen kann. Zugleich schafft er damit für viele Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. In seinem Gefolge besiedeln oft seltene Tiere wie Fischotter, Eisvögel, Schwarzstörche, Wasserspitzmäuse, Libellen und seltene Amphibienarten die Auenlandschaft.

Die meisten Fließgewässer sind durch den Menschen ihrer ursprünglichen Dynamik beraubt worden. Biber schaffen wieder dynamische Auen, in denen sich nasse und trockene Bereiche abwechseln. Diese Dynamik ist überlebenswichtig für viele bedrohte Tierarten. Wo Biber Bäume fällen, entstehen totholzreiche Lichtungen – ein idealer Lebensraum für viele Insekten und Käfer, aber auch für lichthungrige Pflanzenarten. Da dank der Staudämme Hochwasser abgemildert werden, profitiert auch der Mensch vom Biber.