Der Espen-Glasflügler – Seltener Falter im Schwalenberger Wald nachgewiesen
Viele Naturinteressierte kennen Schwebfliegen – eine Familie innerhalb der Zweiflügler, die für ihre oft verblüffend gelungene Tarnung als wehrhafte Insekten wie Bienen oder Wespen bekannt ist. Weniger bekannt ist, dass auch manche Schmetterlinge auf diese Strategie setzen. Das liegt vor allem an der äußerst verborgenen Lebensweise dieser besonderen Falter.
Dem ehrenamtlichen Entomologen Michael Derra gelang kürzlich im Kreis Lippe erneut ein bemerkenswerter Nachweis: Im Schwalenberger Wald konnte er den seltenen Espen-Glasflügler (Eusphecia melanocephala) anhand seiner charakteristischen Fraßspuren nachweisen. Der Fund stellt einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis unserer heimischen Insektenfauna dar.
Die Familie der Glasflügler
Der Espen-Glasflügler gehört zur Familie der Glasflügler (Sesiidae) innerhalb der Schmetterlinge. Mit rund 50 Arten in Mitteleuropa zählt diese Familie zu den ungewöhnlichsten Vertretern unserer heimischen Falterwelt. Anders als viele andere Schmetterlinge fallen Glasflügler weder durch auffällige Farben noch durch große Flügel auf. Stattdessen sind sie wahre Meister der Tarnung und werden deshalb selbst von erfahrenen Naturbeobachtern nur selten entdeckt.
Viele Glasflüglerarten leben zudem äußerst verborgen und sind nur für kurze Zeit als erwachsene Falter aktiv. Entsprechend selten gelingen Nachweise in freier Natur.
Woher kommt der Name „Glasflügler“?
Ihren Namen verdanken die Glasflügler einem besonderen Merkmal: Große Teile ihrer Flügel sind nahezu unbeschuppt und dadurch durchsichtig. Während die Flügel der meisten Schmetterlinge dicht mit farbigen Schuppen bedeckt sind, wirken die Flügel der Glasflügler wie kleine Glasscheiben. Die transparenten Flügelpartien verleihen ihnen ein Erscheinungsbild, das sich deutlich von dem anderer Falter unterscheidet.
Verwechslungsgefahr erwünscht – Mimikry als Schutzstrategie
Wer das Glück hat, einen ausgewachsenen Espen-Glasflügler zu beobachten, hält ihn auf den ersten Blick wahrscheinlich eher für eine Wespe. Genau dieser Effekt ist beabsichtigt. In der Biologie wird dieses Phänomen als „Mimikry“ bezeichnet – die Nachahmung wehrhafter oder ungenießbarer Organismen zum Schutz vor Fressfeinden.
Durch seine schwarz-gelbe Körperzeichnung, die schlanke Gestalt und die transparenten Flügel ahmt der Falter Wespen täuschend echt nach. Potenzielle Fressfeinde meiden solche Tiere oftmals vorsorglich, um schmerzhafte Stiche zu vermeiden. Obwohl der Glasflügler vollkommen harmlos ist, profitiert er von dieser Täuschung und erhöht so seine Überlebenschancen.
Ein Leben im Holz der Espe
Die Raupen des Espen-Glasflüglers entwickeln sich ausschließlich im Holz der Espe (Populus tremula). Die Weibchen legen ihre Eier in der Regel an der Umwallungswulst des Stammes an der Basis von Ästen ab. Nach dem Schlupf bohren sich die Raupen zunächst unter die Rinde und anschließend in das Holz ein.
Dort verbringen sie rund drei Jahre verborgen im Stamm oder in stärkeren Ästen. Während dieser Zeit fressen sie charakteristische Gänge in das Holz. Gegen Ende ihrer Entwicklung legen sie einen Schlupfgang an, der in einem abgestorbenen Ast oder Zweig endet. Das kreisrunde Austrittsloch des späteren Falters ist dabei bereits vorbereitet, von außen jedoch zunächst noch nicht sichtbar und mit einer Art Deckel verschlossen. Erst nach dem Schlupf lässt sich dieser typische Hinweis auf die Art eindeutig erkennen.
In diesem Schlupfgang erfolgt schließlich auch die Verpuppung der Raupe. Anders als die Puppen vieler anderer Schmetterlingsarten ist die Puppe des Espen-Glasflüglers begrenzt beweglich. Gegen Frühsommer, kurz vor dem Schlupf des Falters, bewegt sie sich aktiv zum Ausgang des vorbereiteten Schlupfgangs, durchbricht dessen dünne Abdeckung und ragt anschließend teilweise aus der Schlupföffnung heraus. Erst dann schlüpft der ausgewachsene Falter und hinterlässt die typische Bohröffnung im Holz sowie mit etwas Glück auch die leere Puppenhülle als gut sichtbare Hinweise auf seine Anwesenheit.
Das Leben der erwachsenen Falter dauert lediglich wenige Tage bis Wochen. In dieser kurzen Zeit suchen sie einen Paarungspartner, und die Weibchen legen ihre Eier an geeigneten Espen ab, womit sich der Lebenszyklus erneut schließt.
Gefährdung
Aufgrund seiner stark spezialisierten Lebensweise gilt der Espen-Glasflügler in NRW als gefährdet, im Weserbergland ist er bisher noch nicht nachgewiesen worden. Da junge Espen in der Regel noch keine ausreichend kräftigen Äste oder Zweige ausbilden, ist er auf mittelalte bis ältere Bäume angewiesen. Darüber hinaus besiedelt die Art häufig nur Gebiete mit größeren Espenbeständen, in denen geeignete Entwicklungsräume dauerhaft zur Verfügung stehen.
Entsprechend sensibel reagiert der Espen-Glasflügler auf den Verlust geeigneter Lebensräume sowie auf den Rückgang älterer Espenbestände.
Auf Spurensuche auf dem Mörth
Bei dieser verborgenen Lebensweise überrascht es kaum, dass der aktuelle Nachweis im Kreis Lippe nicht durch die Beobachtung eines erwachsenen Falters gelang, sondern durch die gezielte Suche nach den charakteristischen Fraßspuren seiner Raupen. Solche Spuren liefern häufig den ersten indirekten Hinweis auf das Vorkommen seltener Arten.
Um den Verdacht zu bestätigen, wurde ein besiedeltes Holzstück mit einer Raupe gesichert und unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrt. Nach einiger Zeit schlüpfte daraus tatsächlich ein ausgewachsener Espen-Glasflügler und bestätigte damit den Fund zweifelsfrei.
Der Nachweis verdeutlicht einmal mehr, welche bemerkenswerten Arten oft unbemerkt in unserer Landschaft vorkommen. Gleichzeitig zeigt er, wie wichtig die Arbeit und Erfahrung engagierter ehrenamtlicher Naturkundler für die Kenntnis und die daraus abgeleiteten Schutzstrategien unserer heimischen Biodiversität ist.



